Ziele und Visionen in einer agilen Welt – ein Widerspruch?

Bundespräsident Johann Schneider-Ammann hat mir durch seine heutige Eröffnungsrede zum Swiss Economic Forum eines klargemacht. Er hat mir gezeigt, weshalb viele Schweizer der Agilität so kritisch gegenüberstehen.

Es ist die Idee Agilität heisse, man mache sich gar keine Gedanken über die Zukunft, man sei einzig agil unterwegs und tue einzig das, was im Moment als richtig erscheint.

Er sagte, eine solche Agilität sei zwar positiv und es brauche Unternehmen, die so vorgehen und schnell auf den Markt reagieren. Aber es brauche eben auch Unternehmen, die Langfristige Ziele haben an denen sie festhalten und dementsprechend nicht agil unterwegs seien.

Bundespräsident Johann Schneider-Ammann @SEF2016
Bundespräsident Johann Schneider-Ammann @SEF2016

Nun ist es natürlich so, dass sich diese beiden Dinge keinesfalls ausschliessen.

In der Agilen Welt, machen wir uns sehr wohl strategische Überlegungen, wir haben sehr wohl Visionen und setzen uns Ziele. Diese Ziele verfolgen wir mit Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit; mit agilen Methoden genau wie mit herkömmlichen Methoden auch.

Dies mit folgenden Unterschieden.

  1. Wir sind uns bewusst, dass sich die Umstände ändern können und dass wir besser daran tun, laufend zu überprüfen, ob unsere Ziele immer noch Sinn machen, anstatt starr daran festzuhalten.
  2. Wir bilden uns nicht ein, dass wir den genauen Weg zu diesen Zielen bis in jedes Detail planen können.
    Dementsprechend nehmen wir nicht einen so grossen Zeitaufwand für theoretische Analyse und Planung in Kauf.
    Viel mehr sind wir ehrlich zu uns selbst und gestehen uns ein, dass wir noch sehr wenig wissen und ohne praktische Erfahrung niemals Sicherheit erlangen können.
    Wir überlegen uns also eine Hypothese, wie wir zu diesem Ziel gelangen und versuchen so schnell wie möglich, diese zu belegen oder eben auch zu widerlegen. So lernen wir. Wir analysieren wo wir stehen und ob wir uns in die richtige Richtung bewegt haben. Basierend darauf definieren den weiteren Kurs. Entweder wir haben uns geirrt und brauchen eine Kurskorrektur oder wir sind auf guten Wegen und können mit kleinen Verbesserungen voranschreiten. Da wir aber schon viel gelernt haben und viel mehr wissen als zu Beginn, können wir immer einen zielgerichteteren, den echten Umständen entsprechenden Kurs einschlagen. Nach kurzer Zeit wiederholen wir diese Analyse und Anpassung.
    Auf diese Weise erlangen wir praktische Erfahrung, die uns viel genauer zu unserem Ziel führen kann als jegliche theoretischen Analysen.
  3. Wir begegnen Risiken mit Wissen.
    Anstatt Theorien und Metriken zur theoretischen Überwachung von Risiken aufzustellen, räumen wir diese durch Experimente aus dem Weg.
  4. Wir lassen nicht zu, dass uns Hypothesen oder Pläne von unseren wahren Zielen ablenken. Herkömmliche Methoden verherrlichen sehr schnell den gefassten Plan und setzen alles daran, diesen Plan zu befolgen, zu überwachen und einzuhalten. Dadurch gelangt das eigentliche Ziel oft in den Hintergrund und erlangt viel zu wenig Beachtung.
  5. Wir kommunizieren unsere Visionen und Ziele allen Beteiligten. So stellen wir sicher, das alle wissen weshalb wir diesen Weg beschreiten und was genau wir bezwecken. Es kann jeder mithelfen, das wahre Ziel zu erreichen.

Dies sind ganz grob zusammengefasst die grössten Unterschiede. Durch dieses Empirische Vorgehen erlangen wir eine ganze Reihe weiterer Vorteile.

  1. Wir können ohne Zusatzaufwand auf Änderungen reagieren. Wird uns ein Stein in den Weg gelegt, umfahren wir ihn, wir folgen ja keinem starren Plan, der uns die Richtung genau durch diesen Stein hindurch vorgibt (denn sah ja keiner kommen).
  2. Wir verbessern dauernd unsere Richtung und können so viel punktgenauer landen.
  3. Alle beteiligten sind viel motivierter, da sie ja am grossen Ziel mitarbeiten und nicht nur irgendeinen Plan verfolgen.
  4. Wir verschwenden viel weniger Zeit für unnötiges planen und überwachen dieses Planes, da wir ständig sehen wo wir wirklich stehen.
  5. Da wir ständig echten praktischen Vorschritt bewerten, müssen wir keine künstlichen Metriken überwachen, die schlussendlich gar keine echten Aussagen erlauben.
  6. Und viele mehr.

 

Natürlich ist es bequemer an Pläne zu glauben, daran zu glauben, wenn sie uns sagen wann und wie wir unsere Ziele erreichen. Natürlich verleiht es uns Sicherheit, wenn wir und 5 analytische Abhandlungen und Untersuchungen zu definierten Risiken durchlesen.

So haben wir Jahrzehnte gearbeitet und daran haben wir uns gewöhnt. Wir bilden uns ein, dass weniger theoretisches Vorgeplänkel und weniger Kontrolle von althergebrachten Metriken weniger seriös sei.

 

In der Agilen Welt sagen wir uns ehrlich, dass wir heute nicht wissen, wie die Welt von morgen aussieht, und deshalb auch nicht planen können wie wir den neuen Herausforderungen begegnen müssen. Wir sparen uns also diese Zeit, laufen nicht weniger bedacht los und überprüfen laufend unseren Vorschritt gegenüber unserem echten Zielen unter den momentanen Voraussetzungen.

 

Ich hoffe mit diesem saloppen Abriss Herrn Schneider-Ammann und weiteren Vertretern des Traditionellen und Beständigen, die echte Agilität, die eben viel mehr ist, als blindes drauf los hüpfen, etwas näher gebracht zu haben.

Gerne unterhalte ich mich mit Ihnen über komplexe, adaptive Systeme und die Vorhersagbarkeit des Einflusses neuer Akteure in solchen Systemen. Und weshalb es ehrlicher ist, in solchen Systemen empirisch und agil unterwegs zu sein, auch wenn man Ziele und Visionen hat.

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